Schon seit 50 Jahren werden Antibiotika als selbstverständlich angesehen. Ob Ohren- oder Halsinfektionen oder auch Geschlechtskrankheiten: bakterielle Infektionen sind vielfältig, häufig und können den gesamten Körper betreffen und bleiben sie unbehandelt können sie ernsthafte Schäden verursachen.

Aufgrund der Verfügbarkeit von Antibiotika sind diese Infektionen aber üblicherweise nicht mehr als ein Ärgernis in Industrieländern. Viele Patienten sehen sie als einfach behandelbar an. Einfach einmal seinen Allgemeinarzt besuchen und dann die verschriebenen Tabletten für ein bis zwei Wochen einnehmen.

Aus diesem Grund wird das wachsende Problem der Antibiotikaresistenz oft stark unterschätzt.

Anlässlich des europäischen Antibiotikatags, der jährlich am 18. November stattfindet, haben wir unseren Apotheker David Kelly zur Antibiotikaresistenz befragt.

TREATED DE Antibiotic Resistance

Wie groß ist das Problem eigentlich?

Wenn man bedenkt, was für eine wichtige Rolle Antibiotika in unserem Gesundheitssystem spielen, dann ist das Problem extrem groß.

Kelly erklärt, dass das Problem der Antibiotikaresistenz jeden betrifft. Er betont, dass wir alle eine Infektion bekommen können und dass vor 1930, bevor Antibiotika entdeckt wurden, Infektionen, die wir heute als trivial ansehen, oft tötlich waren.

Zudem spielen Medikamente dieser Art auch eine wichtige Rolle bei der Rehabilitation.

Die moderne Medizin verlässt sich auf den Nutzen effektiver Antibiotika. Viele komplexe chirurgische Eingriffe, wie Herz- oder Knochenoperationen wären ohne sie nicht möglich, genauso wie viele Krebsbehandlungen extrem problematisch wären.

Nicht jeder hat schon aus erster Hand Erfahrung mit Antibiotikaresistenz gemacht, Experten im Gesundheitsbereich begegnen dem Phänomen jedoch immer mehr.

Laut Kelly, sehen sie immer mehr Resistenz bei ernsten, lebensbedrohlichen Infektionen in Krankenhäusern, wie TB, und auch gewöhnlichen Infektionen, wie Balsenentzündungen, Pneumonie und Gonorrhoe.

Patienten mit Infektionen, die von arzneimittelresistenten Bakterien hervorgerufen werden, haben ein erhöhtes Risiko für Komplikationen und benötigen, laut Kelly, das Gesundheitssystem um einiges mehr, als Patienten mit Infektionen, die von Bakterien, die nicht arzneimittelresistent sind, verursacht werden.

Was verursacht Antibiotikaresistenz?

Organismen mutieren und entwickeln sich, um zu überleben, dass ist biologisch unumgänglich. Daher ist ein neues Antibiotikum nach seiner Entwicklung nur für eine bestimmte Periode, bevor die Bakterien, die es anvisiert, Immunität entwickeln, effektiv.

Wie Kelly illustriert, neigen Bakterien und andere Mikroben dazu auf natürliche Art und Weise eine Resistenz gegen ein Arzneimittel, dass wir gegen sie verwenden, zu entwickeln.

Wie Kelly weiter erklärt, wird das Problem zu einem gewissen Maß durch unsere Art der Nutzung von Antibiotika aber verschlimmert.

Er verdeutlicht, dass die natürliche Tendenz von Bakterien und anderen Mikroben eine Resistenz zu entwickeln durch die unangemessene Nutzung und Verschreibung von Antibiotika ‘gefördert’ wird.

Zu unangemessenen Verschreibungen gehören:

  • Die Gabe von Antibiotika, wenn sie nicht nötig sind.
  • Die Wahl der falschen Antibiotika und die Vergabe einer falschen Dosierung.
  • Die Verschreibung für einen falschen Zeitraum.


Die unangemessene Nutzung hingegen bedeutet:

  • Das Verlangen eines Antibiotikums, wenn es nicht nötig ist.
  • Eine Dosis auszusetzen oder die Behandlung nicht komplett abzuschließen.
  • Ein paar Tabletten für später aufzuheben.
  • Das Teilen von Antibiotika mit anderen.

Patientenverantwortung

Die Verringerung der Antibiotikaresistenz liegt, wie schon erwähnt, nicht nur in der Verantwortung des Gesundheitspersonals. Der Patient, der das Medikament einnimmt, trägt auch Verantwortung.

Kelly betont, wie wichtig es ist, dass Patienten die folgenden Punkte beachten, wenn sie eine Infektion behandeln:



  • Manchmal sind Antibiotika nicht nötig, daher ist es hilfreich sie in diesen Fällen nicht zu verlangen. Viele Infektionen vergehen von alleine. Fragen Sie Ihren Apotheker wie Sie Ihre Symptome behandeln können.
  • Nehmen Sie verschreibungspflichtige Antibiotika genauso wie verschrieben. Heben Sie sie nicht für später auf und teilen Sie sie nicht mit jemand anderem.
  • Nehmen Sie nie Antibiotika, wenn sie Ihnen nicht von einem Arzt verschrieben wurden.

Was wird unternommen?

Die Entdeckung neuer Antibiotika hat sich seit den 70ern stark verlangsamt, was zu einer wichtigen Frage führt: Was unternimmt das Gesundheitssystem, um dieses Problem anzugehen?

Kelly weist darauf hin, dass einige der globalen Pharmaunternehmen aktive Programme zur Antibiotikaentwicklung haben, dass es heutzutage aber wissenschaftlich schwerer ist neue Antibiotika zu finden, als in den Siebzigern und Achtzigern. Es ist komplexer und zeitaufwendiger neue Wirkstoffe zu entwickeln.

Zusätzlich zur gesteigerten Komplexität der benötigten Wissenschaft, ist auch Geld ein entscheidender Faktor.

Kelly erklärt, dass die erhöhten wissenschaftlichen Herausforderungen der Entwicklung neuer Antibiotika einen großen finanziellen Einfluss haben und dass Pharmaunternehmen nur Zeit und Ressourcen in die Entwicklung neuer Medikamente, die einen finanziellen Gewinn bringen, investieren.

Antibiotika sind aber, laut Kelly, ein Produkt mit inhärent niedriger Rentabilität. Sie werden nur für einen kurzen Zeitraum eingenommen, besonders im Vergleich zu anderen Medikamenten, wie Arzneimitteln, die langfristig zur Behandlung von Bluthochdruck eingenommen werden.

Praktiken der Apotheken und Ärzte

Kelly beschreibt, was getan werden sollte, um die Einstellung zur Antibiotikabehandlung zu verändern:

Das gesamte Gesundheitspersonal sollte seine Vorgehensweise verändern, um das Problem in Angriff zu nehmen. Die verantwortungsbewusste Verschreibung von Rezepten und die Weitergabe von Informationen an Patienten sind der Schlüssel.

Gesundheitsorganisationen überwachen Antibiotikaverschreibungen und bieten Gesundheitspersonal Unterstützung bei der Veränderung ihrer Art und Weise, wie sie Antibiotika verschreiben.
Weiter Informationen können auf der Website des Bundesministeriums für Gesundheit gefunden werden.

Zum europäischen Antibiotikatag hat die ECDC (European Centre for Disease Prevention and Control) eine informative Infografik zur Frage, wie sich Antbiotikaresistenz ausbreitet, erstellt.