Die Homosexuellen-Seuche „Aids“, eine tödliche Abwehrschwäche, hat Europa erreicht. Mindestens 100 Deutsche sind bereits erkrankt, sechs in den letzten Wochen gestorben. Die Ärzte sind ratlos” berichtete der Spiegel am 06.06.1983.

“Die meisten HIV-Infektionen in Deutschland betreffen immer noch homosexuelle Männer. Allerdings geht die Zahl der Neuansteckungen (...) leicht zurück, während sich heterosexuelle Männer etwas häufiger anstecken.“ Am 09.11.2015, 32 Jahre später, widmet sich der Spiegel mit seinem Artikel den damals aktuellen Statistiken des Robert Koch Instituts (RKI).

Panikstiftende Meldungen, wie die aus dem Jahr 1983, sind aus dem Medienbild verschwunden. Die HIV Forschung hat in den letzten Dekaden bahnbrechende Fortschritte gemacht, sodass wir heute eher sachlich als panisch mit dem Thema HIV und AIDS konfrontiert werden. Unser Wissen um biologische Fakten, Übertragungswege und den Forschungsstand wirkt entmystifizierend.

Wie hat sich das „Image“ von HIV und AIDS entwickelt und wie können wir sicherstellen, dass sich die aufgeklärte Generation ausreichend schützt?

Übersicht

Das Robert Koch Institut hat zum 14. November 2016 aktuelle Zahlen zur HIV Verbreitung in Deutschland veröffentlicht. Wir haben die Daten in einer Grafik zusammengefasst.

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Weiterführende Informationen und Details zur Studie des Robert Koch Instituts finden Sie hier.

Was sollten junge Menschen über HIV wissen?

Seit der Entdeckung des HIV Virus in den 80er Jahren hat sich aufgrund des fortschreitenden Wissensstands um die Erkrankung nicht nur die Art der Berichterstattung geändert; die Aufklärung richtet sich heute an eine Generation, die nicht mit den panischen Allegorien zur Pest konfrontiert wurde und weitestgehend gut über die biologischen Fakten informiert ist. Information spielt bei der HIV Prävention eine wichtige Rolle. Genauso wichtig (oder wichtiger) ist das Wissen um den Umgang mit HIV, da dieser das Schutzverhalten bestimmt.

Wir haben uns mit Holger Wicht, dem Pressesprecher der Deutschen Aids Hilfe (DAH) unterhalten und ihn u.a. dazu befragt, was Jugendliche im Umgang mit HIV wissen müssen.

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Laut Wicht liegt der „Schlüssel zur HIV-Aufklärung bei jungen Menschen in einem offenen Umgang und in der Vermeidung von Panikmache“. Die Verbreitung der Krankheit wird davon begünstig, dass viele Menschen sich aus Angst vor der Krankheit und Ablehnung nicht testen lassen: Sie können HIV dann leicht unwissentlich weitergeben. Mit dem Wissen um die o.g. Sachverhalte ist eine wichtige Grundlage zum selbstbewussten Umgang mit HIV geschaffen.

Aufklärung und Schutzverhalten im Digitalen Zeitalter

Für die HIV Aufklärung in Deutschland ist die Bundezentrale für gesundheitliche Aufklärung zuständig (BZgA) zuständig, die seit vielen Jahren mit medienstarken Kampagnen das HIV Bewusstsein in schärft. Die Deutsche AIDS-Hilfe kümmert sich mit Förderung durch die BZgA um die besonders stark von HIV betroffenen Gruppen, wie schwule und bisexuelle Männer und Drogenkonsumenten.

Die Aufklärungsarbeit in den Schulen wird vom jeweiligen Bundesland festgelegt und in den Bildungsplänen verankert. Auch gemeinnützige Vereine wie die lokalen Aidshilfen haben es sich zur Aufgabe gemacht, wertvolle Aufklärungsarbeit zu leisten. Die Jugend gegen Aids beispielsweise richten sich mit ihrer ehrenamtlichen- und durch Sponsoren finanzierte Arbeit direkt an die Aufklärung junger Leute.

Aufklärung

Gemessen wird der Erfolg der HIV Aufklärungsarbeit u.a. am bewussten Umgang mit Ansteckungsrisiken. Das Schutzverhalten wird in zahlreichen Studien und Umfragen untersucht und dokumentiert.

Laut einer gemeinsamen Umfrage der JGA und der Dating App LOVOO, stellt „Verhütung für junge Menschen noch immer ein Tabuthema (dar).“

Gemäß dieser Umfrage, in der 2,500 Jugendlichen im Alter von 16 und 21 Jahren zum Thema „Aufklärung“ befragt wurden, gaben 34% an, „beim Sex das Risiko ein(zugehen), sich mit einer sexuell übertragbaren Krankheit zu infizieren. Laut der JGA und LOVOO Umfrage hilft „die Nutzung von Dating-Apps wie LOVOO Jugendlichen (zwar) dabei, sich selbstbewusster mit sich selbst und der eigenen Sexualität auseinanderzusetzen.“

„43 Prozent der befragten Jugendlichen erklären (jedoch), dass die Kommunikation über Verhütung durch das spontane Kennenlernen oftmals zu kurz kommt.“

Schutzverhalten

„Selbstbewusster Umgang mit Sexualität ist wichtig. Junge Menschen dabei zu unterstützen, bildet eine wichtige Grundlage für ihr Schutzverhalten. Hier gibt es sicher noch Defizite.“ Wicht sieht diese Defizite u.a. im Umgang mit sexueller Vielfalt. „Jugendliche, die nicht der heterosexuellen Norm entsprechen, erfahren in den Schulen noch viel zu wenig Unterstützung, das Thema ist in vielen Lehrplänen noch nicht angemessen verankert.“ Die Studie „Schwule Männer und HIV/Aids“ zeige dabei eindeutig: Diskriminierung schadet dem Schutzverhalten!

Die JGA und LOVOO Umfrage deutet an, dass es im direkten Risiko-Umfeld (dort wo der sexuelle Kontakt aufgebaut wird) an angemessenem Schutzverhalten fehlt; trotz des Fakten-Wissens um die HIV Verbreitung, schützt sich eine Großzahl der Jugendlichen angeblich nur ungenügend vor einer Ansteckung.

Die offizielle Studie der BZgA zur Jugendsexualität zeichnet jedoch ein weitaus optimistischeres Bild. Jugendliche zeigen in Sachen Verhütung generell ein „hohes Problembewusstsein“. Das Kondom hat sich in den 90er Jahren als Erstverhütungsmittel durchgesetzt und wird diesem Status auch heute noch gerecht: 65% der Jugendlichen schützen sich nach wie vor mit Kondom bei erstmaligem sexuellen Kontakt. Darüber hinaus haben Jugendliche bei heterosexuellen Kontakten nur ein sehr geringes HIV-Risiko, da HIV in ihrer Altersgruppe kaum vorkommt.

Wie kann das Schutzverhalten Jugendlicher in der Digitalen Welt bestärkt werden?

Die sachliche, faktische Berichterstattung, der die Junge Generation ihr Aufklärung verdankt, hat an unmittelbarer Brisanz verloren. Der Slogan, „Gib AIDS keine Chance“,den manche von uns noch von der Plakatwerbung kennen und der noch vor 15 Jahren einen bleibenden Eindruck hinterließ, greift in der aufgeklärten und digitalen Welt nicht mehr. „Die Krankheit Aids ist heute durch eine rechtzeitige Therapie der HIV-Infektion vermeidbar. Das hat natürlich auch die Berichterstattung über das Leben mit HIV und die Prävention verändert“, sagt Wicht.

Brisanz schärfen ohne Panik-Mache

Die BZgA hat bereits reagiert: „Gib AIDS keine Chance“ hat Platz geschaffen für „Liebesleben“, eine Kampagne die die HIV Aufklärung tiefer in den Zusammenhang der sexuellen Aufklärung einbettet und zukünftig maßgeblich zur Kommunikation rund um Sexualität beitragen wird.

Auf die Frage, welche Rolle das Medium Internet einnimmt, antwortet Wicht: „Das Internet eröffnet neue Möglichkeiten für eine besonders zielgerichtete Ansprache bestimmter Gruppen, zum Beispiel junge schwule Männer. Prävention findet unter anderem dort statt, wo Menschen sexuelle Kontakte suchen, also zum Beispiel auf Dating-Plattformen.“ Wicht kündigt an, die Deutsche AIDS-Hilfe werde ihr Engagement in diesem Bereich in Zukunft noch ausbauen, es könne noch mehr getan werden.

Schutzverhalten muss also dort gestärkt werden, wo es um Sex geht.  Laut Statista ist die Anzahl der Dating App Nutzer in Deutschland zwischen dem Jahr 2010 und 2015 um 1,5 Millionen angestiegen. Die Tendenz ist weiter steigend.

Um weiterhin nachhaltig Prävention zu betreiben, dürfen wir uns wünschen, dass sich die digitalen Medien gemeinsam mit den Experten einem neuen und herausfordernden Aufklärungsfeld stellen und das Schutzverhalten Junger Leute dort bestärken, wo man sie am besten erreicht.

Solange es das HIV Virus gibt, solange bleibt Aufklärung ein wichtiges Thema. Vor 33 Jahren sprach der Spiegel in Zusammenhang mit HIV noch von der Pest – im Jahr 2017 findet sich vielleicht im LOVOO Dating Profil, neben Angaben zur sexuellen Orientierung eine Option zu ich mach’s mit“. Auf diesem Wege könnte die digitale Welt nicht nur einen wertvollen Beitrag zum offenen Umgang mit HIV leisten, sondern auch die Aufklärungs- und Präventionsbemühungen der offiziellen Einrichtungen unterstützen.